Bei der Frage die man manchmal gestellt bekommt, welche Reise einen besonders geprägt habe, muss ich nicht lange überlegen. Das war und wird in meinem Fall auch wohl immer so bleiben: ein Arbeits- und Informationsaufenthalt im israelischen Kibbuz Geva mit anschließender 1-wöchiger Rundreise durch das „Heilige Land“ im Frühjahr 1977, zwei Jahre vor meinem Abitur.
Organisiert wurde das Projekt von meinem damaligen Gemeinschaftskunde-Lehrer am Oberurseler Gymnasium, dem Bad Homburger Oberstudienrat Karl-Heinz Stephan (1926-1983) und nicht zu vergessen, seinem Freund und Verbindungsmann vor Ort in Israel, Nathan Höxter (1916-2011).
In einem Gedenkartikel der Frankfurter Rundschau anlässlich seines Todes im Jahr 2011 wurde der in Berlin aufgewachsene und seit 1934 im Kibbuz Geva lebende Höxter auch als „Urvater der Partnerschaft“ bezeichnet.
Ich erinnere, dass Nathan selbst an einer der mindestens zwei Vorbereitungs-Zusammenkünfte in der Aula unseres Gymnasiums teilnahm, um uns auf das Leben im Kibbuz einzustimmen. Eines dieser Info-Treffen wurde damals festgehalten in Wort und Bild für die Oberurseler Seite der Taunus-Zeitung.
Unsere Reisegruppe bestand neben den Lehrern Stephan und Recktenwald und ihren Gattinnen vor allem aus circa 20 Schülern der Oberstufe des Oberurseler Gymnasiums.
Natürlich war die Vorfreude groß, dieses magische Land und seine Menschen, nun selbst kennenlernen zu dürfen. Auch Fragen danach, wie würden sie, die Holocaust Überlebenden und ihre Familien auf uns, die Enkel der „Tätergeneration“ reagieren, bewegten unsere Gedanken. Hier erfuhren wir Unterstützung durch unseren unvergesslichen Lehrer Karl-Heinz Stephan, der durch das Schicksal seiner mütterlichen jüdischen Großmutter in Bad Homburg und deren Familie direkt mit dem Holocaust konfrontiert wurde. Er hat nie aufgehört die Zeit des Nationalsozialismus und wohl die eigenen schrecklichen Erfahrungen die er machen mußte an seine Schüler zu vermitteln und sie für das Thema zu sensibilisieren.
So war es auch das Hauptanliegen Stephans und Höxters, uns durch unser „dort sein“ in der Kibbuz-Gemeinschaft, im Gemeinschaftsspeisesaal, bei der Arbeit und den Unterhaltungsabenden, mit den Menschen vor Ort in Kontakt und ins Gespräch zu bringen. Der touristische Teil, an den freien Nachmittagen und der einwöchigen Rundreise am Ende, sollte dabei eine untergeordnete Rolle spielen. Bei dem Aufenthalt in Jerusalem bei der ein Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem im Fokus stand, konnte ein kleiner Konflikt zwischen älteren Schülern, die sich etwas mehr Freizügigkeit beim eigenständigen Verlassen der Jugendherberge wünschten und Oberstudienrat Stephan, der auf seine Verantwortungspflicht vor allem gegenüber den noch minderjährigen Teilnehmern der Gruppe bestand, im letzten Moment noch von unserem israelischen Reiseleiter sowie Lehrer Recktenwald beigelegt werden.
In Erinnerung geblieben sind mir nach meinem ersten „aufregenden“ Flug an Bord eines El-Al-Jumbos: der intensive Geruch der Orangenblüten, bereits auf der Fahrt mit dem Kibbuz-Bus der uns vom Flughafen Ben Gurion in Tel-Aviv nach Geva brachte; die Freundlichkeit und Offenheit, ja das Interesse der älteren Kibbuz Bewohner, besonders derer die den Holocaust in den Konzentrationslagern erleben mussten, sich mit uns jungen Deutschen zu unterhalten; die Gespräche mit zwei Jugendlichen aus Ägypten die im Kibbuz arbeiteten, den Kibbuz aber abends zu verlassen hatten; unsere Arbeit auf den Feldern, in den Hühnerställen und den Orangenplantagen und unsere zerkratzen Unterarme; das bewaffnete Sicherheitspersonal im Kibbuz; die freien Nachmittage mit Fahrten nach Nazareth und den warmen Quellen, wo wir herrlich schwimmen konnten; das manchmal sehr frühe Frühstück im Gemeinschaftsspeisesaal und die abendlichen, meist musikalischen Kibbuz Veranstaltungen; die 7-tägige Rundreise durchs Land; Yad Vashem; eine abgebrochene Sinai-Tour aufgrund von Sicherheitswarnungen und Straßensperren, der geschwollene Fuß meines Englisch-Lehrers Recktenwald der bei Eilath in einen Seeigel trat, die Oase Ein Gedi, unser Bad im Toten Meer, Jerusalem !
… und der unermüdliche, manchmal der Verzweiflung nahe Karl-Heinz Stephan und sein, ja „unser“ fürsorglicher Freund Nathan Höxter denen ich, neben meinen Eltern, an dieser Stelle posthum Dank sagen möchte, dass ich an dieser unvergesslichen Reise damals teilnehmen durfte.


Foto Jürgen Leindecker

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