Für etwas mehr als 6 Euro kann man gerade im Internet die Postkarte einer nicht mehr existierenden Weinbar im unterfränkischen Kleinwallstadt erwerben.

Darauf abgebildet ist die Zeichnung eines alten Fachwerkbauernhofs (wohl aus dem 17. oder 18. Jahrhundert). Mit diesem verbinde ich so manche Kindheitserinnerung.

Meine aus Sommerau im Spessart stammende Urgroßmutter Theresia Pleines geb. Englert hatte eine Reihe von Geschwistern und Halbgeschwistern.

Neben der ältesten Schwester Ottilie Hock geb. Englert, die in Sommerau blieb und dort heiratete, gab es den Edmund Englert der um 1906 nach Australien auswanderte und in New South Wales eine Familie gründete.

Adam Englert war Damenschneider in Paris. Mit seiner französischen Frau Marcelle kam er 1918/19 wieder in die Heimat zurück und starb 1941 im Konzentrationslager Mauthausen.

Eugen, ein Schreiner, lebte bei Darmstadt.

Maria Carolina, das Nesthäkchen der Englerts wurde 1887 geboren. Sie heiratete den Landwirt Julius Bergmann aus Kleinwallstadt. Das Paar, das dann 5 Kinder bekam, lebte in dem alten Fachwerkhaus (wahrscheinlich das Elternhaus von Julius Bergmann) mit Stallungen und einer Scheune, in der Obergasse 14 in Kleinwallstadt.

Meine Urgroßmutter Theresia soll sich mit ihrer jüngsten Schwester Carolina sehr gut verstanden haben. Das übertrug sich dann auch auf meine Großmutter Mina und ihre Kleinwallstädter Bergmann Cousins.

Ein bis zwei Mal im Jahr machten wir uns, meist sonntags, auf zur ca. 90 Kilometer entfernten Verwandtschaft nach Bayern. Hier bekamen wir im Haus in der Obergasse ein schmackhaftes Mittagessen serviert und fuhren abends, bepackt mit hausgemachter Blut- und Leberwurst, Schwartenmagen und „Worschtsupp“, wieder nach Oberursel zurück.

Ab und zu durfte ich meine Großeltern auch für einen Kurzaufenthalt zu den bayerischen Cousins begleiten. Dann wurde manchmal im Hof des Anwesens, zwischen Wohnhaus/Scheune und Ställen, dem Misthaufen und dem Plumpsklo ein Schwein geschlachtet. Frühmorgens dampften dann schon in der Waschküche die Kessel und mein etwas älterer Großcousin Egon, vor dem ich immer etwas Angst hatte, erzählte mir detailgenau wie gleich die schon quiekende Sau zur Strecke gebracht würde und er das in einer Schüssel aufgefangene Blut rühren müsse.

Zum Mittagessen, in der Bergmann’schen Wohnküche, gab es zu diesen Anlässen meist frisches Wellfleisch mit Sauerkraut. In den 1970ern verkaufte Egons Vater Valentin Bergmann (Julius‘ und Maria Carolinas Sohn) das elterliche Gehöft und baute mit seiner Tochter Roswitha und deren Mann Jürgen ein Haus am Rande von Kleinwallstadt.

Die Obergasse 14 wurde nun vom neuen Eigentümer grundsaniert und das Fachwerk am Wohnhaus und der Scheune freigelegt. Für mehrere Jahre zog dann eine Weinbar in die alte Wohnküche der Bergmanns. Was sich heute dort befindet und wer in dem Haus lebt, weiß ich nicht. Tempi passati …

Teilansicht des Bergmann’schen Anwesens in der Obergasse 14 um 1970.